Seitenleisten-Navigation für komplexe Software

Portrait of Christian Reichart

Zusammenfassung: Die Seitenleiste ist die häufigste Navigationsart in komplexen Web-Apps. Du solltest auf große Klickflächen, eindeutige Symbole und die Möglichkeit zum Ein- und Ausklappen achten, um die Benutzerfreundlichkeit zu optimieren.

Sieht man sich das Navigationskonzept der meisten komplexen Web-Apps an, so fällt eine Sache auf: Im Gegensatz zu inhaltsbasierten Webseiten wie Blogs oder Online-Shops befindet sich die Navigationsbereich auf Desktopgeräten nicht oben, sondern sehr oft links in einer Seitenleiste.

Viele SaaS-Produkte wie beispielsweise Sevdesk setzen auf Seitenleisten als Navigationsmethode
Viele SaaS-Produkte wie beispielsweise Sevdesk setzen auf Seitenleisten als Navigationsmethode

Ein Konzept, welches eher an Webauftritte aus den 90ern erinnert, scheint also für diese speziellen Anwendungsfälle immer noch das Mittel der Wahl zu sein. Warum das so ist und was man bei dieser Art von Informationsarchitektur beachten sollte, erfährst du in diesem Artikel.

Warum Seitenleisten in komplexer Software gut funktionieren

Der offensichtlichste Faktor, warum man sich für eine Seitenleiste entscheidet, ist die schiere Anzahl der Menüpunkte. Diese haben vertikal untereinander deutlich mehr Platz und können auch problemlos erweitert werden. Es ist nicht unüblich, dass sich hier locker 10 - 15 Menüpunkte tummeln, die teilweise auch noch eine große Menge an Unterpunkten bieten. Diese Anzahl ist oft durchaus berechtigt, und eine Versteifung im Design-Prozess auf Miller’s Law (max. 5-9 Objekte) kann hier kontraproduktiv sein. Eine zu hohe Bündelung von Menüpunkten führt zu generischen Oberkategorien, bei denen die Nutzer sich schwer tun, den gewünschten Menüpunkt zu finden. Trotzdem sollte man natürlich auf Gruppierungen und eine Reduzierung auf das Nötigste achten.

In der Google Search Console sind standardmäßig 12 Haupt-Navigationseinträge sichtbar, unterteilt in mehreren Kategorien.
In der Google Search Console sind standardmäßig 12 Haupt-Navigationseinträge sichtbar, unterteilt in mehreren Kategorien.

Ein weiterer Vorteil ist auch, dass Untermenüs dauerhaft sichtbar bleiben können. Nutzer behalten so besser im Blick, in welchem Teil der Anwendung sie sich gerade befinden, und es fällt ihnen leichter, ein mentales Modell der Architektur aufrecht zu erhalten.

Neben der reinen Darstellung der Informationen ist aber vor allem die Interaktion mit dem Menü ein wesentlicher Aspekt. Bei klassischen, inhaltsbasierten Webseiten dient die Navigation oft als Einstiegspunkt. Sobald Besucherinnen im Zielbereich angekommen sind, rückt das Menü in den Hintergrund, und dem Inhalt wird aller zur Verfügung stehender Platz gegeben. Manchmal werden hier trotzdem Seitenleisten eingesetzt, jedoch meist für spezielle, kontextabhängige Interaktionselemente, wie ein Inhaltsverzeichnis für Textartikel oder Filteroptionen für eine Shoppingkategorie. Bei Web-Apps navigieren Anwender ganz anders und viel häufiger. Oft springt man zwischen verschiedenen Operationsbereichen hin und her, rotiert durch Dashboards und baut Routinen auf. Für diese häufige und schnelle Navigation ist eine Seitenleiste sehr gut geeignet.

Zusammenfassend hier nochmal die wesentlichen Faktoren, die für eine Seitenleiste sprechen:

  • Ausreichend Platz für viele Menüpunkte
  • Bessere Sichtbarkeit des Menüs und der aktuellen Position
  • Schnelleres Navigieren

Optimierte Benutzerfreundlichkeit für Power-User

Anwenderinnen im SaaS-Bereich nutzen Apps nicht selten täglich und über einen langen Zeitraum hinweg. Hier ist es besonders wichtig, ein Augenmerk auf kleine Usability-Details zu legen, um die alltägliche Arbeit möglichst reibungsfrei und effizient zu gestalten.

Maximaler Interaktionsbereich

Du solltest sicherstellen, dass die klickbare Fläche eines Menüpunktes so geräumig wie möglich ist. Dadurch verringerst du den Weg, den man mit dem Mauszeiger zurücklegen muss, und die benötigte Präzision. Durch eindeutige Hover-Effekte sollten die Nutzer sofort erkennen können, wenn sie sich innerhalb eines klickbaren Bereichs befinden.

Große Klickflächen und klare Hover-Effekte erleichtern die Navigation
Große Klickflächen und klare Hover-Effekte erleichtern die Navigation

Eindeutige Symbole

Gepaart mit der textlichen Bezeichnung eines Menüpunktes sind Grafiken ein essenzielles Werkzeug, um schnelle Wiedererkennbarkeit für Power-User zu ermöglichen. Viel wichtiger als ein möglichst akkurat passendes Symbol ist hier eine visuelle Unterscheidbarkeit zu anderen Symbolen. Dadurch macht man sich die blitzschnelle Mustererkennung unseres Gehirns zunutze, mit der wiederkehrende Nutzerinnen eine Gedächtnisstütze erhalten.

Unterscheidbarkeit von Symbolen ist wichtiger als thematische Genauigkeit.

Nicht umsonst verwenden viele Nutzer Emojis in ihren Ordnernamen, um sie schneller zu finden. Es muss also nicht immer das perfekte Symbol sein, solange es sich gut von den anderen unterscheidet.

Unterscheidbare Symbole verbessern die Navigationserfahrung
Unterscheidbare Symbole verbessern die Navigationserfahrung

Ein- und Ausklappbare Seitenleiste

Standardmäßig sollte eine Seitennavigation immer angezeigt werden. Bei manchen Ansichten, wie etwa einer umfassenden Tabelle, kann es jedoch sinnvoll sein, diesem Seiteninhalt möglichst viel Platz zu geben. Daher solltest du es deinen Anwendern ermöglichen, die Seitenleiste zu verkleinern oder zu schließen.

Die gängigste Variante ist die Reduzierung der Breite, wobei von den Hauptmenüpunkten nur noch die Symbole zu sehen sind.

ChatGPTs Seitenleiste kann eingeklappt werden, um mehr Platz für die Inhalte zu schaffen
ChatGPTs Seitenleiste kann eingeklappt werden, um mehr Platz für die Inhalte zu schaffen

Eine weitere Möglichkeit ist das Schließen der kompletten Seitenleiste, welche dann über eine kleine Interaktionsfläche wie einen Button, wieder einblendbar ist.

Die Seitenleiste verschwindet komplett, und kann über einen Button wieder eingeblendet werden
Die Seitenleiste verschwindet komplett, und kann über einen Button wieder eingeblendet werden

Fazit

Seitenleisten bleiben in komplexer Software nicht aus Nostalgie relevant, sondern weil sie den Anforderungen moderner Web-Apps funktional am besten gerecht werden: Viele Menüpunkte, klare Hierarchien und schnelle Wechsel zwischen Arbeitsbereichen lassen sich hier effizienter abbilden als in horizontalen Navigationsmustern. Entscheidend ist jedoch nicht allein die Struktur, sondern die konsequente Optimierung für den täglichen Gebrauch. Große Klickflächen, visuell klar unterscheidbare Symbole und flexible Ein- beziehungsweise Ausklappmechanismen machen aus einer simplen Navigation ein leistungsfähiges Werkzeug für Power-User. Wer komplexe SaaS-Produkte gestaltet, sollte die Seitenleiste daher nicht nur als Container für Menüpunkte verstehen, sondern als zentralen Bestandteil produktiver Nutzerführung.

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